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Warum ich eine Superheldin bin.



Wenn ich so drüber nachdenke, was Superheldinnen ausmacht, dann sind es die folgenden Eigenschaften: Sie sind sie selbst, es ist ihnen egal, was andere über sie denken, sie sind mutig, sie gehen ihren Weg, sie stellen sich ihren Herausforderungen und stehen immer wieder auf, es macht ihnen nichts aus, in der Arena des Lebens schmutzige Knie und blaue Flecken zu bekommen, sie schauen mit staunenden Augen auf die Welt und freuen sich über die vielen kleinen und großen Wunder des Lebens. Und sie machen was sie wollen.

Hättest du mich Anfang des Jahres gefragt, ob ich eine Superheldin bin, dann hätte ich erst mal überlegen müssen.

Vielleicht hättest du dann gesagt: „Wir sind doch alle Superheldinnen. Du hast doch bestimmt auch schon Tiefpunkte überwunden. Wann bist du denn so richtig tief gefallen und wieder aufgestanden?“

Und dann hätte ich dir die Geschichte erzählt, wie ich von meiner Essstörung genesen bin, und wie ich das Auseinanderbrechen meiner Ehe kurz darauf überlebt habe, ohne rückfällig zu werden.

Und ich hätte bei dieser Antwort Stolz empfunden aber mich auch unwohl gefühlt. Weil ich mich bei dieser Geschichte eher wie eine Überlebende gefühlt habe, als wie eine Superheldin.

„Was ist denn da der Unterschied?“ hättest du mich dann gefragt.

„Irgendwie gehört mehr zum Superheldin sein, als nur zu überleben,“ hätte ich dann geantwortet. „Versteh mich nicht falsch. Herausforderungen zu überwinden ist toll und ich feiere alle, die das tun. Aber irgendwie und irgendwann muss das Kämpfen doch auch mal ein Ende haben. Und ich habe das Gefühl, dass ich seit Jahren nichts anderes tue. Und das macht mich in meinen Augen nicht zur Superheldin, sondern vor Allem erschöpft es mich.“

Ich stand nämlich zu Anfang des Jahres immer noch in der Arena, mit schmutzigen Knien und blauen Flecken, ich wusste aber gar nicht mehr genau, wofür eigentlich. Irgendwie hatte ich irgendwo unterwegs meinen Traum verloren, meinen Glauben an mich selbst und die Überzeugung, dass es das alles wert sei.

Obwohl ich nach außen hin alles erreicht hatte, was ich mir vorgenommen hatte, waren meine Selbstzweifel riesig und das Gefühl, irgendwie am Leben vorbei zu leben. Morgens wollte ich nicht mehr aufstehen und abends ging ich müde Gefühl ins Bett. Meine Gesundheit verschlechterte sich und ich war chronisch erschöpft, weinte viel und war insgesamt total unzufrieden. Ich arbeitete viel und sagte mir: „Wenn ich erstmal eine stabile Selbstständigkeit aufgebaut habe, wird das bestimmt leichter. Das ist nur eine Phase, sie geht vorbei.“

An meinem Geburtstag dämmerte mir, dass diese „Phase“ bereits seit 4 Jahren andauerte und ich beschloss, etwas zu ändern.

Ich beendete meine Coachingverträge und einen Monat später saß ich im Bus nach Spanien, wo ein Freund ein Grundstück in den Bergen hat, zwischen Oliventerrassen und mit Blick aufs Meer.

Eine Woche später kam mit Corona auch der Lockdown in Spanien, und ich beschloss, dort zu bleiben. Für mich war es ein Geschenk des Himmels: eine Auszeit von meinem Alltag, von meiner Arbeit, von meinen Gedanken. In den kommenden Wochen erholte ich mich und stellte vor Allem fest, dass ich wieder gerne morgens aufstand. Meine Gelenkschmerzen gingen zurück. Zwei Monate überquerte ich dann die Pyrenäen auf dem Fahrrad auf dem Weg zurück nach Deutschland.

Mit diesem Schritt eroberte ich mir etwas zurück, was mir in den letzten Jahren abhanden gekommen war: mein Vertrauen in das Leben und in mich selbst, und darin, dass ich immer geführt werde. Ich wusste nicht, wie es in Spanien werden würde, und ich wusste auch nicht, ob ich es mit dem Fahrrad auch nur 20 Kilometer weit schaffen würde. Aber ich versuchte es und durfte feststellen: es klappte nicht nur, es war sogar weitaus besser als erwartet!

Ich hatte mir durch das Ende meiner Ehe und die finanziellen Folgen, die das mit sich brachte, eine Art zu leben angewöhnt, die mich nach und nach von meinem eigenen Leben entfremdete: ich war auf Sicherheit bedacht gewesen und wägte Entscheidungen nicht mehr danach ab, ob sie meinem Herzen entsprächen sondern ob sie vernünftig waren.

So war ich mehr und mehr in ein Leben gerutscht, welches zwar verhältnismäßig vernünftig war, mir aber überhaupt keine Freude bereitete. Und je länger ich dieses Leben lebte, umso mehr verabschiedete ich mich daraus. Als würde ich eine Rolle spielen, die mir zugeteilt wurde.

Und deshalb, so hätte ich dir Anfang des Jahres geantwortet, fühle ich mich nicht wie eine Superheldin.

Wenn du mir diese Frage allerdings heute stellst, dann würde ich folgendes sagen:

„Oh ja!“, würde ich rufen. „Ich bin eine Superheldin durch und durch. Aber es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich das selbst so sehen konnte.“

Ich bin eine Superheldin, weil weiß, dass das Leben dazu da ist, um gelebt zu werden. Und das ist nicht immer leicht aber immer lohnenswert. Und weil ich mir und meinem Herzen versprochen habe, alles zu tun, um diesem meinem Leben Ehre zu erweisen.

Und ich bin eine Superheldin, weil ich weiß, dass dieses kein linearer Prozess ist, sondern einer mit Höhen und Tiefen.

Ich bin eine Superheldin, weil ich springe, wieder und wieder ohne zu wissen, ob ich fallen oder fliegen werde.

Und weil ich mit schmutzigen Knien und blauen Flecken in der Arena stehe und übers ganze Gesicht strahle, weil ich das Leben so sehr liebe.

Das Leben mit seinen großen und kleinen Wundern und seinen vielen Menschen, von denen einige mit mir in der Arena stehen. Und wir umarmen uns und feiern den Sonnenuntergang, als hätten wir noch nie zuvor einen gesehen.

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